Interview mit Robert Heusmann, Head of Corporate Strategy & Organisation bei den ÖBB
„Die Schiene ist der leistungsfähige Backbone“
Straße und Schiene wachsen immer mehr zusammen. Und automatisiertes Fahren wird auch in der Schienenlogistik immer wichtiger. Davon ist Robert Heusmann, Head of Corporate Strategy & Organisation bei den ÖBB, überzeugt. Mit ein Grund, warum die ÖBB Mitglied bei SAAM Austria, der Allianz für automatisiertes Fahren, ist. Im Interview schildert Heusmann, wie sein Unternehmen der Transformation begegnet.
Die Mobilitätsbranche befindet sich in einem massiven Umbruch. Wie verändert dieser Transformationsprozess aktuell die ÖBB – und welche Rolle wollen Sie künftig im erweiterten Mobilitätsökosystem spielen, das weit über Personenverkehr hinausgeht?
Die Mobilitätsbranche durchläuft derzeit einen tiefgreifenden organisatorischen und technischen Wandel. Für die ÖBB heißt das, dass wir uns vom klassischen Bahnunternehmen zum integrierten Mobilitäts‑ und Logistikdienstleister weiterentwickeln, der Straße und Schiene intelligent verbindet und digitale Plattformen als zentrale Kundenschnittstelle ausbaut. Unsere künftige Rolle ist klar: Wir gestalten ein vernetztes Mobilitätsökosystem in Österreich aber auch auf europäischer Ebene.
Der Automobil-Cluster öffnet sich für neue Mobilitätssegmente wie Arbeitsmaschinen, Güterlogistik und intermodale Lösungen. Welche Schnittstellen sehen Sie zwischen Rail und diesen Geschäftsfeldern – und welche Chancen ergeben sich daraus für industrielle Zulieferer und AC-Partnerbetriebe?
Die klassische Trennung nach Verkehrsträgern entspricht nicht den Anforderungen der Kund:innen an eine integrierte End-to-End Lösung. Nur im Verbund der Verkehrsträger können wir hinreichend flexible und integrierte Angebote gewährleisten. Es ist also ein Miteinander zwischen Schiene und Straße. Die Schiene ist der leistungsfähige Backbone für Güter und Personen. Es braucht aber intermodale Lösungen, um die erste und letzte Meile abzudecken. Wir sehen daher große Chancen, das Gesamtsystem durch den Einsatz von automatisierten Lösungen in diesem Bereich zu stärken. Neue Chancen ergeben sich dadurch in Bereichen wie intelligenter Umschlag und Terminaltechnik in der Logistik und autonomer Shuttles im Mikro-Öffentlichen Verkehr. Auch in der Infrastruktur sehen wir eine Schnittmenge in den Bereichen der automatisierten Instandhaltung und der Sensorik von Arbeitsgeräten.
An welchen Innovationen arbeiten die ÖBB derzeit konkret – technologisch, digital oder organisatorisch – um den „Zug der Zukunft“ zu gestalten?
Die ÖBB verstehen sich als Innovationstreiber der Mobilitätsindustrie. Im Fokus der technologischen Innovationen stehen Projekte wie die automatisierte Betriebsführung, flächendeckender Einsatz von ETCS – also digitalen Navigations- und Sicherheitssystemen – sowie resiliente und dekarbonisierte Infrastruktur. Wir treiben den Ausbau von Digital Twins, KI‑gestützten Planungs‑ und Instandhaltungsprozessen sowie datengetriebenen Betriebsplattformen voran, um Kapazität, Effizienz und Kundenerlebnis zu verbessern. Organisatorisch setzt unsere Strategie für Forschung, Technologie und Innovation auf neue Kompetenzen, agile Formen der Zusammenarbeit und Open‑Innovation‑Mechanismen, um externe Technologieimpulse rasch ins System zu integrieren und Konzerninnovationen wirksam zu skalieren.
Wie beeinflusst die geopolitisch disruptive Lage Ihre Geschäftsmodelle und welche strategischen Antworten entwickeln die ÖBB darauf?
Gerade im Güterverkehr müssen wir uns darauf einstellen, dass wir flexibler und schneller auf sich verändernde Transportströme reagieren können und gleichzeitig Abhängigkeiten reduzieren. Das reicht von der Diversifizierung von Transportkorridoren bis hin zur Stärkung intermodaler Systeme. Gleichzeitig investieren wir in Resilienz: digitale Transparenz über Warenströme, strategische Partnerschaften, terminalseitige Ausbauprogramme und eine klare Positionierung als integrierter Mobilitäts- und Logistikanbieter sichern unsere Handlungsfähigkeit.
Großprojekte wie die Koralmbahn werden als Schlüssel für neue europäische Güterachsen gehandelt. Inwiefern ist die Koralmbahn aus Ihrer Sicht Teil neuer transnationaler Logistikkorridore wie jenem der Chinesen entlang der Seidenstraße – und welche Erwartungen verbinden Sie damit?
Die Koralmbahn stellt einen wichtigen Lückenschluss im Verbund der europäischen Hochleistungskorridore entlang der baltisch-adriatischen Achse dar und verbessert damit die Anbindung an die adriatischen Häfen. Mit der Fertigstellung des Semmeringbasistunnels zum Fahrplanwechsel 2030 entsteht hier eine leistungsfähige Logistiktransversale in Nord-Südrichtung. Durch die Koralmbahn profitieren insbesondere die Industrie der angrenzenden Regionen im Süden Österreichs sowie der Terminalumschlag im Großraum Wien.
Die ÖBB sind Mitglied bei SAAM Austria. Was war Ihre Motivation, sich diesem Netzwerk anzuschließen und was erhoffen Sie sich davon?
Für die ÖBB als größten Mobilitätsanbieter Österreichs ist es wesentlich, dass wir die Mobilität von Morgen auch mitgestalten. Der Schienenverkehr ist schon heute in vielen Bereichen automatisiert. Wir sind SAAM Austria beigetreten, weil automatisierte und vernetzte Mobilität besonders in der Straßenmobilität ein ganzheitliches strategisches Zukunftsfeld ist. Wir sind überzeugt, dass innovative Lösungen nur im Schulterschluss zwischen Forschung, Industrie und Verkehrsunternehmen entstehen. Das Netzwerk ermöglicht uns frühen Zugang zu Partnern, Pilotprojekten und internationalen Entwicklungen.
Welche Trends werden die Mobilität auf der Schiene in den kommenden fünf Jahren prägen – und wie bereiten Sie sich organisatorisch und technologisch darauf vor? Gibt es Studien dazu und mit welchen Partnern arbeiten Sie hier zusammen?
Die Mobilität auf der Schiene wird in den kommenden Jahren vor allem durch drei Entwicklungen geprägt: Automatisierung und KI im Betrieb, digitale und vernetzte Mobilitätssysteme sowie klimaresiliente Infrastruktur. Multimodale Plattformen, intelligente Konnektivität und neue Technologien wie AI ermöglichen effizientere Verkehrsflüsse und bessere Integration verschiedener Verkehrsträger. Gleichzeitig treiben demografische Veränderungen und neue Arbeitsformen Innovationen innerhalb der Organisation und Qualifizierung voran. Auf diese Entwicklungen bereiten wir uns organisatorisch und technologisch gezielt vor und beobachten sie systematisch in Trendanalysen, Studien und Innovationsprogrammen. Dabei arbeiten wir auch mit internationalen Eisenbahnverbänden, sowie mit Technologiepartnern und wissenschaftlichen Institutionen zusammen. Für die wichtigsten Zukunftsfelder leiten wir aus den Trends konkrete Innovationsschwerpunkte ab, die in Strategie, Open Innovation und Investitionsentscheidungen einfließen.
Inwiefern ist lokale Kooperation in Bezug auf kooperative oder Forschungsförderungsprojekte relevant und wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Cluster?
Viele richtungsweisende Ideen entstehen zunächst in kleinem Rahmen. Wir möchten hier Neues ausprobieren, testen und lernen. Lokale Kooperationen sind für uns zentral, weil neue Lösungen erst dann wirklich tragfähig werden, wenn sie im regionalen Umfeld gemeinsam mit Gemeinden, Betrieben und Forschungspartnern erprobt und weiterentwickelt werden. Sie sind daher ein Kernbaustein unserer Open Innovation‑Logik, in die wir externe Expertise, industrielle Partner und wissenschaftliche Impulse systematisch in unsere FTI‑Prozesse einbinden. So entsteht ein offenes Innovationsökosystem, das regionale Praxiserfahrung mit überregionalem Know‑how verbindet und neue Technologien schneller in marktfähige Anwendungen überführt.
Robert Heusmann ist ein erfahrener Strategie- und Mobilitätsexperte mit mehr als 20 Jahren Führungserfahrung im internationalen Luftfahrt- und Transportsektor. Er ist spezialisiert auf Netzwerkplanung, Revenue Management und Unternehmensstrategie. Seit zwei Jahren ist Heusmann bei den ÖBB verantwortlich für Konzernstrategie, Unternehmensentwicklung und -organisation.