Wege zur Kreislaufwirtschaft
Green Deal am Bau
Der Bausektor ist für über 35 % des gesamten Abfallaufkommens in der EU verantwortlich und verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen. Darüber hinaus werden 50 % aller genutzten Ressourcen für den Bau verwendet. Die Branche spielt daher eine Schlüsselrolle im Green Deal der EU und im Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft. Was dafür zu tun ist, diskutierten Expertinnen und Experten bei der Veranstaltung „Wege zur Kreislaufwirtschaft“.
Die Einwohnerzahlen in den Städten steigen. Bis 2050 werden rund zwei Drittel der globalen Bevölkerung in Ballungsräumen leben. Alireza Fadai von der TU Wien betonte: „Das Bauen muss sich verändern. Um die Klimaziele zu erreichen, gilt es, die Zement- und Betonproduktion zu dekarbonisieren. Außerdem können mit Kreislaufwirtschaft bis zu 36 % des Materialverbrauchs in der Bauwirtschaft eingespart werden.“ Neben Konzepten für die Montage brauche es zukünftig auch Konzepte für die Demontage. Wichtig sei auch, dass Gebäude nicht abgerissen, sondern renoviert und energieeffizient gestaltet werden.
Die Bauwirtschaft ist von besonders vielen Verordnungen und Richtlinien der EU zur Erreichung der Klimaneutralität betroffen. Katharina Häusler von der Niederhuber & Partner Rechtsanwälte GmbH ging auf die EU-Taxonomie ein, die Finanzströme in nachhaltige Bereiche lenken soll: „Es gibt verbindliche Anforderungen zur Reduktion des Energieverbrauchs und der CO₂-Emissionen im Bauwesen. Nachhaltige Bauprodukte und erneuerbare Energie werden auf allen Ebenen forciert. Letztendlich müssen betroffene Bauunternehmen – und indirekt auch deren Zulieferer – nachweisen, dass ihre Projekte den neuen rechtlichen Anforderungen entsprechen.“
Nachhaltiges Bauen bedeutet für Helmut Poppe von der Poppe-Prehal Architekten ZT GmbH aus Steyr „Bauen mit geringstmöglicher Klimaschädigung“. Dabei gilt es, Flächenverbrauch bzw. Versiegelung zu reduzieren, nachwachsende Rohstoffe oder Rohstoffe aus Recycling sowie wiederverwertbare Baumaterialien einzusetzen, auf zerlegbare Bauweisen zu achten und keine Verbundmaterialien oder Störmaterialien einzusetzen. „Wer mit Holz baut, denkt in Generationen statt in Jahrzehnten. Die Begrünung von Landschaften und Gebäuden hat nicht nur ästhetische Vorteile. Die Kombination von Holz und Grünflächen ist eine zukunftsfähige Lösung, um die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern“, ist Poppe überzeugt.
Sandra Böhm und Elena Boerman vom Karlsruher Institut für Technologie stellten innovative Materialien für die Bauwirtschaft vor – darunter eine 100 % biologische Holzschutzlasur mit Pilzsporen und Leinöl. „Der Pilz ernährt sich vom Öl und bildet einen Biofilm, der das Material dauerhaft schützt. Nach ein paar Jahren muss der Ölanstrich erneuert werden, damit der Pilz wieder Nahrung erhält. Das behandelte Holz kann kompostiert werden“, erklärten die beiden Expertinnen. Außerdem präsentierten sie Dämmstoffe aus getrocknetem, naturbelassenem, aufgefasertem Neptungras, die besonders resistent gegen Umwelteinflüsse sind, und Recyclingziegel aus tongebundenen, mineralischen Bau- und Abbruchabfällen. Und sie appellierten: „Für innovative Materialien braucht es auch eine entsprechende Gesetzgebung und finanzielle Anreize.“
Die Kombination von Lehm, Holz und Stroh als Baustoff wird bereits seit den 1920er Jahren verwendet. Lehm ist ein lokal verfügbares Material, das für seine atmungsaktiven und feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften bekannt ist. Lehmputz und Lehmplatten sind beispielsweise sehr gut für nachhaltige Bauweisen geeignet. Stroh besitzt hervorragende Dämmeigenschaften ist kostengünstig und regional verfügbar. Michael Weihele von naturbo Lehmputz Trockenbausysteme betonte: „Das nachhaltigste Gebäude ist jenes, bei dem nicht gebaut wird. Wir müssen uns daher die Frage stellen, ob wir das Gebäude brauchen – und falls ja, welche Materialien wir dafür verwenden. Wer heute mit den richtigen Materialien baut, wird eine Wertsteigerung in der Zukunft haben.“
Das Programm rundete Peter Kneidinger von den materialnomaden mit Best-Practice-Beispielen ab. Er nannte unter anderem ein Projekt mit den ÖBB, bei dem alte Züge sprichwörtlich ein zweites Leben bekommen. Isabella Mantello, Projektmanagerin im Building Innovation Cluster, fasste die Veranstaltung so zusammen: „Nachhaltiges Bauen gewinnt an Bedeutung. Wir schonen damit unsere Ressourcen, reduzieren langfristig gesehen unsere Kosten und schaffen uns einen gesünderen Lebensraum. Die Expertinnen und Experten haben uns mit innovativen Ansätzen gezeigt, wie das gehen kann.“
Die Veranstaltung fand am 20. März 2025 bei der SIHGA GmbH – Academy in Ohlsdorf statt und war die erste einer Reihe von Workshops im Rahmen des EU-Projektes DECORATOR. Das Projekt zielt darauf ab, die zirkuläre Transformation im Bausektor in der Donauregion voranzutreiben. Gefördert wird das Projekt aus dem Programm Interreg Danube Transnational.