18.06.2026

Empfehlung des Rates für Forschung und Technologie für OÖ zum Thema

„Integration des Kompetenzfeldes „Circular Mobility“ in die Future Mobility Region Upper Austria“

1. Ausgangslage und strategischer Rahmen

Oberösterreich zählt zu den führenden Industriestandorten Europas und nimmt mit seiner Innovations- und Fertigungskompetenz im Bereich Mobilität eine Schlüsselrolle ein. Die Initiative
Future Mobility Region Upper Austria1 bündelt derzeit sechs Kompetenzfelder, die die industrielle Transformation maßgeblich vorantreiben:

Simulation & Digitaler Zwilling, Leistungselektronik, Energiespeicher & elektrische Antriebe, Materialtechnologien, Test- & Prüfinfrastruktur und Prototyping Lab.

Vor dem Hintergrund der europäischen Clean Industrial Deal-Ziele und der neuen EU-Verordnung zu End-of-Life Vehicles (2023/0282 COD)2 wird es künftig unerlässlich, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zu integralen Bestandteilen industrieller Wertschöpfungsketten zu machen. Diese  Verordnung fordert den Einsatz von Rezyklaten, die Nachweisbarkeit von Materialien durch digitale Produktpässe sowie die Demontierbarkeit und Wiederverwendbarkeit von Fahrzeugkomponenten.
Um diese Entwicklungen aktiv mitzugestalten und gleichzeitig die Standortvorteile Oberösterreichs auszubauen, wird empfohlen, innerhalb der Future Mobility Region Upper Austria ein neues, querschnittliches Kompetenzfeld „Circular Mobility“ zu etablieren.

2. Bedeutung und inhaltliche Verankerung von Circular Mobility

Das Konzept der Circular Mobility beschreibt die Transformation des Mobilitätssektors zu einem ressourcenschonenden, zirkulären System, in dem Materialien, Komponenten und Produkte möglichst lange im Wertschöpfungskreislauf gehalten werden.

Kernprinzipien sind dabei:

  • Circular Design: Produkte werden von Beginn an so konzipiert, dass sie langlebig,
    reparierbar und recycelbar sind.
  • Design for Disassembly: Komponenten können am Lebensende zerstörungsfrei getrennt
    und sortenrein wiederverwertet werden.
  • Design for Recycling: Materialwahl und Konstruktion erfolgen mit Blick auf eine möglichst
    hohe Rückführbarkeit in den Stoffkreislauf.
  • Life Cycle Thinking: Jede Entwicklungs- und Produktionsentscheidung berücksichtigt die Auswirkungen über den gesamten Lebenszyklus.


Diese Ansätze stehen im Einklang mit dem EU Circular Economy Action Plan3 und der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie4

Die aktuellen ASCII-Policy Briefs zu Batterie- und Magnetwertschöpfungsketten zeigen, dass Europas Mobilitätsindustrie bei zentralen Schlüsselkomponenten stark von Importen kritischer Rohstoffe abhängig ist und dass Kreislaufwirtschaft ein wesentlicher Hebel zur Erhöhung der Resilienz darstellt. Damit wird die Relevanz des Kompetenzfelds „Circular Mobility“ für Oberösterreich weiter untermauert.5

Durch die Integration von Circular Mobility entsteht ein verbindendes Kompetenzfeld ergänzend und übergreifend zu den bestehenden Kompetenzfeldern – insbesondere Materialtechnologien, Energiesystemen, digitalen Zwillingen und Prototyping. Damit können Produktentwicklung, Produktion, Nutzung und Wiederverwertung künftig als geschlossene Wertschöpfungskette gedacht und umgesetzt werden.

3. Synergien mit den bestehenden Kompetenzfeldern

Simulation & Digitaler Zwilling Digitale

Digitale Modelle können künftig sogenannte „Circular Twins“ abbilden, die Informationen zu Materialien, deren Menge, CO₂-Bilanzen und Demontageprozessen enthalten. Dadurch wird der gesamte Lebenszyklus virtuell nachvollziehbar und optimierbar.

Leistungselektronik

Circular Mobility eröffnet neue Ansätze im Design fahrzeugrelevanter Elektroniksysteme, bei denen standardisierte Schnittstellen, modulare Gehäusekonzepte und trennbare Verbindungstechnologien eine zerstörungsfreie Demontage, Reparatur und Wiederverwendung von Komponenten ermöglichen.

Energiespeicher & elektrische Antriebe

Im Fokus steht die Wiederverwendung von Batterien („Second Life“) und die Entwicklung von Standards zur Bewertung ihres Gesundheitszustands („State of Health“). Besonders das Recycling von seltenen Erden und Metallen, wie sie in Batterien und Elektromotoren vorkommen, hat hier zentrale Bedeutung.

Materialtechnologien

Durch den Einsatz von Sekundärrohstoffen und Rezyklaten6 wird die Abhängigkeit von Primärmaterialien reduziert. Österreichs Circular-Material-Use-Rate (CMUR) liegt derzeit bei 14,3 % – Zielwert bis 2030: 18 %. Oberösterreich kann hier durch gezielte industrielle Anwendungen erheblich beitragen.7

Test- & Prüfinfrastruktur 

Zirkularität verlangt neue Prüfmethoden: etwa zur Materialalterung, Wiederverwendungsfähigkeit und Rezyklatqualität. Durch eine Erweiterung bestehender Testeinrichtungen können diese Anforderungen künftig systematisch überprüft werden.8

Prototyping Lab 

Das Prototyping Lab ist als Netzwerk aus den involvierten Forschungseinrichtungen und Unternehmen organisiert und ermöglicht es, demontagefähige Anwendungen, Großteiledruck sowie sortenreine Materialkonzepte unter realitätsnahen Bedingungen zu erproben. Dadurch können Circular Design-Ansätze strukturiert entwickelt und gezielt in die industrielle Praxis überführt werden.

4. Beitrag zur Standortstrategie #upperVISION2030 und zur Industriestrategie Österreich 2035 

Das Kompetenzfeld „Circular Mobility“ ergänzt und stärkt die in der #upperVISION2030 festgelegten Handlungsfelder „Vernetzte und Effiziente Mobilität“ und „Effiziente und nachhaltige Industrie & Produktion“. Das Kompetenzfeld „Circular Mobility“ stärkt das Leitprojekt 2026 der #upperVISION2030 (Future Mobility Region Upper Austria). Es verknüpft Nachhaltigkeit mit industrieller Wettbewerbsfähigkeit und macht den Standort resilienter gegenüber globalen Rohstoffund Lieferkettenrisiken.

Durch die Integration von Circular Mobility wird zudem der österreichische Mobilitätsmasterplan 20309 konkret unterstützt – insbesondere die Zielsetzungen einer klimaneutralen, ressourceneffizienten und digital vernetzten Mobilitätsindustrie bis 2040.

Die vorgeschlagene Einführung des Kompetenzfelds „Circular Mobility“ steht im Einklang mit der Industriestrategie Österreich 203510, die eine nachhaltige und zirkuläre Produktion, höhere Ressourceneffizienz sowie die Sicherung strategischer Rohstoffe als zentrale Ziele definiert, und ist zugleich im Kontext zweier zentraler Schlüsseltechnologien zu verorten: den Mobilitätstechnologien sowie „Advanced Materials“. Durch Maßnahmen wie den Ausbau der Kreislaufwirtschaft, die Nutzung digitaler Ressourcenplattformen und die Entwicklung lokaler Recycling- und Aufbereitungscluster werden geschlossene Wertschöpfungsketten gestärkt, materialbezogene Innovationspotenziale systematisch erschlossen und die Resilienz des Industriestandorts erhöht.

Die enge Anbindung an nationale FTI-Projekte – etwa im Kontext des europäischen digitalen Produktpasses – verschafft Unternehmen einen frühen Zugang zu neuen Standards und Geschäftsmodellen. Gleichzeitig knüpft „Circular Mobility“ an zentrale Schlüsseltechnologien der Industriestrategie an, wie Mobilitätstechnologien, Advanced Materials sowie moderne Test- und Messinfrastrukturen. Damit trägt das neue Kompetenzfeld unmittelbar zur Steigerung der Ressourcenproduktivität, zur Verbesserung der Zirkularitätsrate und zur Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Mobilitätsindustrie bei.

5. Wirkung und Mehrwert für den Standort 

Die Etablierung von Circular Mobility als eigenständigem Kompetenzfeld führt zu messbaren technologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Effekten:

  • Ökologisch: Reduktion des Ressourcenverbrauchs und der CO₂-Emissionen durch Rezyklateinsatz, Wiederverwendung und langlebige Produkte.
  • Ökonomisch: Kosteneinsparungen und Wettbewerbsfähigkeit durch geringere Materialabhängigkeit und neue Geschäftsmodelle im Bereich Remanufacturing.
  • Gesellschaftlich: Schaffung neuer Qualifikationsfelder („Circular Engineering“) und Attraktivität des Standorts für Fachkräfte und Start-ups.
  • Innovativ: Stärkere Kooperation zwischen Industrie, Forschung und Kreativwirtschaft bei der Entwicklung neuer Produkt- und Servicemodelle

Langfristig kann Oberösterreich damit zu einer europäischen Modellregion für zirkuläre Mobilität werden – vergleichbar mit internationalen Vorreitern wie der „Circular Car Initiative“.11

6. Empfehlung an die oberösterreichische Landesregierung 

Der Rat für Forschung und Technologie empfiehlt der oberösterreichischen Landesregierung, das Kompetenzfeld Circular Mobility als siebtes und verbindendes Element in die Struktur der Future Mobility Region Upper Austria aufzunehmen. Dieses Feld soll als integrativer Innovationstreiber zwischen Materialtechnologien, Digitalisierung, Produktion und Recycling fungieren und die Zusammenarbeit zwischen Industrie, Forschung, Start-ups und Verwaltung stärken.

Zur erfolgreichen Umsetzung sind flankierende Maßnahmen erforderlich, die Bewusstseinsbildung, Innovation und Vernetzung fördern. Dazu gehört erstens der gezielte Wissens- und Erfahrungstransfer aus anderen Branchen, die im Bereich der Kreislaufwirtschaft bereits Pionierarbeit leisten. Über eine cross-sektorale Lernplattform, getragen von Business Upper Austria, dem Automobil Cluster und dem Cleantech-Cluster, können erfolgreiche Modelle aus der Bau-, Elektronik- oder Textilindustrie auf die Mobilitätsbranche übertragen werden. 

Zweitens wird empfohlen, junge Unternehmen und kreative Köpfe aktiv einzubinden, etwa durch Circular Mobility Hackathons und offene Innovationsformate. Start-ups, Studierende und Industriepartner entwickeln dabei gemeinsam Lösungen für Demontage, Wiederverwendung und digitale Rückverfolgbarkeit von Materialien. 

Drittens sollte die Sichtbarkeit und Bewusstseinsbildung für Circular Mobility in der Future Mobility Region gestärkt werden. Der Automobil Cluster kann das Thema als Jahresschwerpunkt in kommende Veranstaltungen integrieren, ergänzt durch eine Best-Practice-Roadshow, die regionale Leuchtturmprojekte präsentiert. 

Diese Maßnahmen schaffen die nötigen Rahmenbedingungen, um Circular Mobility als neues Kompetenzfeld mit Leben zu füllen, Synergien zu nutzen und den Wandel von einer linearen zu einer kreislauforientierten Mobilitätsindustrie erfolgreich zu gestalten.


1 https://www.uppervision.at/future-mobility-region/kompetenzfelder 
2 https://environment.ec.europa.eu/topics/waste-and-recycling/end-life-vehicles_en
3 https://environment.ec.europa.eu/strategy/circular-economy_en 
4 Österreich auf dem Weg zu einer nachhaltigen und zirkulären Gesellschaft 
5 2025_REPM-Policy-Brief_V4.pdf und https://ascii.ac.at/wp-content/uploads/2025_Automotive-PolicyBrief_final_0612.pdf 
6 Sekundärrohstoffe sind allgemein wiedergewonnene Materialien aus Abfällen, während Rezyklate speziell durch Recycling aufbereitete Stoffe sind, die direkt wieder als Rohstoff in der Produktion eingesetzt werden. 
7 https://www.eea.europa.eu/en/europe-environment-2025/countries/austria/circular-material-use-rate
8 https://www.biz-up.at/artikel/future-mobility-region-oberoesterreich-gestaltet-transformation-der-mobilitaetaktiv-mit 
9 www.bmk.gv.at/themen/mobilitaet/mobilitaetsmasterplan.html 
10 https://www.bmwet.gv.at/dam/jcr:2e6803e4-89cd-4a29-bfe6-a3161e066ad4/Industriestrategie.pdf
11 https://www.weforum.org/projects/the-circular-cars-initiative