18.06.2026

Empfehlung des Rates für Forschung und Technologie für OÖ zum Thema

„Oberösterreich als Pionierregion für angewandte industrielle KI (Applied Industrial AI) positionieren“

Oberösterreich ist ein hochindustrialisiertes und exportstarkes Bundesland, dessen Wirtschaft maßgeblich von der produzierenden Industrie, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Automotive-Branche, der Metall- und Kunststoffverarbeitung und der Kreislaufwirtschaft geprägt ist. Mit den ansässigen Technologieunternehmen und Start-ups mit skalierbaren KILösungen, sowie den universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen verfügt Oberösterreich über umfassende KI-Kompetenz auf Weltniveau. Diese einzigartige Struktur bietet ideale Voraussetzungen für Oberösterreich als Region, in der KI - insbesondere, wenn sie industriell, robust und produktivitätsorientiert eingesetzt wird - eine enorme Wirkung entfalten kann. Um die dringend notwendige Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und im Spannungsfeld von demographischer Entwicklung und des Bedarfs an qualifizierten Fachkräften zukunftsfähig zu bleiben, ist der Einsatz von KI unerlässlich. Speziell in der angewandten industriellen KI erhebt Oberösterreich den Anspruch, zur Pionierregion zu werden.

1. Ausgangslage 

Oberösterreich besitzt wesentliche Stärken: hoch innovative und exportorientierte Unternehmen, exzellente KI-Forschung, tiefe Fertigungskompetenz und ausgeprägtes Prozesswissen. Gleichzeitig bestehen zentrale Herausforderungen: Hohe Lohnkosten, steigender Arbeitskräftebedarf, geringer Digitalisierungsgrad im Mittelstand, unzureichende Datenqualität und hoher Energiepreisdruck. 

Daraus entsteht die Notwendigkeit, KI als strategisches Instrument zur Erhöhung der Wertschöpfung in die industrielle Praxis zu bringen und nachhaltig zu verankern. Neben der Optimierung von Produktionsprozessen gewinnt KI zunehmend Bedeutung als Innovationstreiber für digitale Services, datengetriebene Geschäftsmodelle und Plattformlösungen, sowie Service- und Vertriebsprozesse. Eine zukunftsgerichtete KIStrategie muss daher industrielle und digitale Wertschöpfung sowie Datensicherheit und Souveränitätsaspekte gemeinsam denken.

2. Grundidee für den Umgang mit KI in Oberösterreich 

Der Rat für Forschung und Technologie für Oberösterreich begrüßt die KI-Exzellenzstrategie des Landes Oberösterreich und sieht industriefähige KI als instrumentelle Technologie zur Wettbewerbssteigerung.

Der klare Fokus lautet: 

Aufbau und Anwendung von angewandter industrieller KI – verlässlich, validiert, produktionsnah, um damit zur Pionierregion für die beschleunigte Nutzung und Weiterentwicklung dieser Technologie zu werden.

Die Stärkung und die Etablierung dieses potenziellen Standortvorteils erfordern die Bündelung aller Kräfte.

3. Zwei zentrale Hebel 

Erster Hebel: Data Readiness, angewandte industrielle KI und Transfer beschleunigen 

Die Grundlage jeder leistungsfähigen KI-Anwendung ist eine strukturierte, qualitativ hochwertige und nutzbare Datenbasis. In vielen oberösterreichischen Unternehmen sind zwar moderne Maschinen und Anlagen vorhanden, vielfach fehlen jedoch standardisierte Datenarchitekturen, durchgängige Schnittstellen und ein klares Verständnis für datengetriebene Prozesse. Genau hier setzt der zentrale Hebel an: Data Readiness, industrielle KI-Entwicklung und -Anwendung müssen als integrierter Prozess betrachtet werden. 

Eine besondere Rolle spielt dabei der Einsatz von KI möglichst nahe an der Maschine, etwa durch Edge-Computing-Ansätze. Dadurch können Daten direkt an der Quelle verarbeitet, Reaktionszeiten minimiert und Datensouveränität gewährleistet werden. Aufbauend auf bestehenden Initiativen sollte eine landesweite Data- und Digital-Readiness-Offensive etabliert werden, die Unternehmen beim strukturierten Aufbau von Daten-, Cloud- und Plattformarchitekturen unterstützt und zugleich Cybersecurity-Aspekte systematisch berücksichtigt. 

Ein wesentlicher Beschleuniger ist die Einrichtung eines offenen Experimentierraums, etwa in Form von Reallaboren oder Sandboxes. Diese ermöglichen es, bereits am Markt etablierte Methoden und Lösungen unter realen industriellen Bedingungen zu erproben und neue Lösungen zu entwickeln, um sie branchenübergreifend nutzbar zu machen. 

Gleichzeitig schaffen sie die Voraussetzung, konkrete Use-Cases rasch in kooperativen Projekten umzusetzen. Im Fokus stehen Assistenzsysteme, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Produktentstehungsprozessen, in der Produktionsoptimierung, in der Qualitätssicherung, in der Instandhaltung sowie bei ressourcen- und energieeffizienten Prozessen wirksam entlasten und unterstützen. 

Parallel dazu verfügt Oberösterreich mit seinen universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen über exzellente Forschung, die in kooperativen Projekten effektiv eingesetzt werden muss, um neue, robuste, validierte und industriefähige KI- Modelle, - Prozesse und -Werkzeuge rasch in die betriebliche Anwendung zu bringen und in die Breite möglichst vieler Unternehmen zu skalieren.

Zweiter Hebel: Skalierung, Aufbau einer entsprechenden Knowledge-base und neue Wertschöpfung 

Die volle Wirkung einer KI-Strategie entfaltet sich erst dann, wenn erfolgreiche Anwendungen systematisch skaliert und multipliziert werden. Ziel ist es, Wissen im Bundesland zu sichern, neue Märkte zu erschließen und nachhaltige Wertschöpfung aufzubauen. Dazu braucht es den gezielten Ausbau einer oberösterreichweiten Knowledge-Base für Industrial und Applied AI, um Know-how langfristig im Standort zu halten und weiterzuentwickeln. 

Gleichzeitig gilt es, aus KI-Anwendungen neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. KIbasierte Services, Plattformlösungen und datengetriebene Produkte eröffnen Chancen für international skalierbare Wertschöpfung, die über die stationäre industrielle Produktion hinausgehen. Damit kann Oberösterreich nicht nur Anwender, sondern auch Anbieter und Exporteur von industrieller und angewandter-KI-Lösungen werden. 

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Sichtbarkeit des Innovationsökosystems. Nur wenn Oberösterreich als zusammenhängende, leistungsfähige KI-Region wahrgenommen wird, lassen sich internationale Talente, Partner und Investitionen anziehen. Die Bündelung bestehender Aktivitäten, Projekte und Kompetenzen unter einem klar erkennbaren Dach ist daher von strategischer Bedeutung.

4. Konkrete Empfehlungen an die oberösterreichische Landesregierung

  1. Die Landesregierung soll die strategische Bündelung der Kräfte und des Wissens aller Standortpartner aktiv vorantreiben. Ziel ist der Aufbau eines starken KIInnovationsökosystems für vertrauenswürdige, geprüfte und zertifizierte angewandte industrielle KI, dessen Entwicklung und Umsetzung wichtiger Use-Cases durch gezielte finanzielle Unterstützung ermöglicht wird. Die zusätzliche Nutzung nationaler und europäischer Förderprogramme ist dabei unerlässlich, um Oberösterreich noch stärker als international sichtbare Pilotregion zu positionieren.
  2. Dazu ist die Etablierung einer geeigneten Plattform „Upper Austrian (AI)² (Applied Industrial Artificial Intelligence)“ zur Realisierung der strategischen Ziele als zentraler Beschleuniger und sichtbare Marke entscheidend. Sie soll die Umsetzung, Verbreitung und Skalierung von KI-Lösungen massiv beschleunigen. Ein integraler Bestandteil ist eine regulierte KI-Sandbox, die sichere Umgebungen für das Experimentieren, Testen und Validieren innovativer KI-Anwendungen und Entwicklungen bietet, um dies in Oberösterreich als Differenzierungsmerkmal und Wettbewerbsvorteil zu etablieren.
  3. Unterstützung einer Data and Digital Readiness-Initiative mit Reifegradchecks, standardisierten Roadmaps und zum Aufbau der betrieblichen Datenarchitektur, ergänzt durch ein Qualitätssiegel für Data-Readiness.
  4. Forcierung von AI-Literacy-Programmen - insbesondere für Führungskräfte - mit Fokus auf Geschäftsmodelle, Use-Cases und Change-Management.

Oberösterreich etabliert sich als Leuchtturm für industrielle KI. 

Durch den schnelleren, robusteren und wirtschaftlich wirksameren Einsatz von KI am Industriestandort wird Oberösterreich seine Vorreiterrolle als eine der wettbewerbsfähigsten Industrieregionen Europas festigen und ausbauen.