Schubkraft: Höhenflug in neue Märkte
Oberösterreichs Zulieferer stehen unter Druck – und gehen trotzdem voran. Sie investieren, sie erweitern ihr Portfolio, sie greifen nach neuen Märkten. PROMOTECH, Peak Technology, BMW Steyr und viele weitere zeigen, wie viel Kraft im Standort steckt. Und wie der Automobil-Cluster diese Dynamik bündelt.
In Schalchen im Innviertel läuft etwas gegen den Trend. PROMOTECH trotzt den Turbulenzen der Branche und hält Kurs. 230 Mitarbeitende, 190 Roboter, alles in Österreich – in Zeiten globaler Verlagerungen wirkt das fast kühn.
Geschäftsführer Michael Benninger sagt es klar: „2025 und 2026 sind Durchhaltejahre. Wir kämpfen wie alle anderen.“
Der Betrieb baut auf einer soliden Basis. Schon 2001 holte PROMOTECH die ersten Roboter ins Werk. Heute würde es 1.400 Mitarbeitende brauchen, um das Produktportfolio händisch zu fertigen.
„Das zeigt, wie stark Automatisierung unsere Wettbewerbsfähigkeit treibt“, sagt Benninger.
Die Strategie wirkt: PROMOTECH entwickelt, baut und programmiert inzwischen die Hälfte der Anlagen im eigenen Haus. Vorteil ist natürlich, dass ein eigentümergeführtes Familienunternehmen schneller und flexibler bei Entscheidungen agieren kann.
Das ausführliche Interview mit Michael Benninger lesen Sie hier.
Der Veränderungsdruck ist groß, und die Branche spürt ihn jeden Tag. Die Transformation der Antriebe, hohe Kosten, volatile Märkte – die Liste ist lang. Clemens Zinkl, Geschäftsführer der ARGE Automotive Zulieferindustrie, beschreibt die Lage nüchtern:
„Die Umsätze sanken 2024 spürbar 5.000 Jobs gingen verloren. Die Branche steht unter massivem Druck. Wir brauchen Flankenschutz der Standortpolitik – mit steuerlichen Entlastungen, wettbewerbsfähigen Energiepreisen, gezielten Förderungen, Technologieoffenheit und weniger Bürokratie.“
Das ausführliche Interview mit Clemens Zinkl lesen Sie hier.
Benninger sieht es ähnlich. Er nennt Überregulierung als größte Hürde:
„Wir müssen wieder schneller werden. Die Chinesen sind nicht besser – sie sind schneller.“
Hinzu kommt der Aufwand rund um Nachhaltigkeitsplattformen.
„Wir bedienen vier Systeme parallel. Allein das Befüllen der Plattform EcoVadis kostet uns tausend Arbeitsstunden und Tausende Euro im Jahr, ohne dass irgendetwas nachhaltiger geworden wäre.“
Sein Wunsch: ein globaler Standard, der für alle gleich gilt, wie im Qualitätsmanagement. Trotz aller Hürden holte der Betrieb Wertschöpfung zurück ins Haus, etwa mit dem Anlagenbau und der dazugehörigen Software-Programmierung. PROMOTECH investiert in neue Prozesse beim Schweißen und in Spritzguss 2.0.
„Beim Schweißen hätten wir den Prozess zukaufen können, damit wäre das Endprodukt um 15 Prozent teurer geworden. Das hätte uns den Auftrag gekostet, also haben wir selbst investiert und den Prozess beschleunigt“, erzählt Benninger.
Beim Spritzguss 2.0 setzt er auf komplexe Teile mit vielen Prozess- und Veredelungsschritten, denn:
„Aufträge für solche komplexen Teile bleiben deutlich öfter in Europa. Mit einem sicherheitsrelevanten Produkt haben wir uns erst kürzlich gegen deutsche und Schweizer Anbieter durchgesetzt.“
Anderen Betrieben rät Benninger: sich auf die Kernkompetenzen besinnen, mutig sein, bei Veränderungen klein starten, Erfolge sehen und erst dann weitergehen.
Während in Schalchen Roboter laufen, hebt ein Betrieb in Holzhausen ab – wortwörtlich. Peak Technology baut Hightech-Leichtbauteile für die Raumfahrt. CEO Dieter Grebner sieht enorme Chancen:
„Raumfahrt ist ein Wachstumsmarkt. Unsere Unternehmen haben genau jene Fähigkeiten, die dort zählen.“
Deutschland investiert Milliarden in den Space-Sektor. Für Österreich sei das eine historisch einmalige Chance, die man nutzen sollte.
„Österreich ist klein, aber technologisch stark. Wir haben international anerkannte Zulieferer, Institute und hochqualifizierte Fachkräfte.“, sagt Grebner. „Wenn wir mutiger investieren, können wir im Windschatten Deutschlands sehr viel erreichen.“
Das ausführliche Interview mit Dieter Grebner lesen Sie hier.
Auch in Steyr bewegt sich viel. Das BMW Group Werk entwickelt das gesamte Antriebsportfolio – vom Verbrenner bis zur Brennstoffzelle. Entwicklungsleiter Markus Steidl sieht eine lebendige Region: gut vernetzt, hungrig auf Lösungen.
„Auf der Stelle treten ist keine Option“, sagt er.
Bei der Wasserstoff-Brennstoffzelle sieht er noch Potenzial für mehr „gemeinsame Sache“. BMW setzt auf Technologieoffenheit.
„Wir haben immer mehrere Pfade verfolgt, weil sich die Märkte unterschiedlich entwickeln“, sagt Steidl.
Der Standort Steyr bleibt ein Leuchtturm dieserStrategie. Gleichzeitig sieht er die Dynamik in China:
„Dort treibt Digitalisierung den Markt. Wir nutzen diese Impulse, integrieren Lösungen und skalieren sie global.“
Europa stehe an einer Weggabelung, sagt Steidl.
„Wir brauchen eine ganzheitliche Regulatorik. Sie muss den CO2-Rucksack eines Fahrzeugs komplett erfassen.“
Dann könne sich investieren wieder auszahlen – in neue und bestehende Technologien. Zum Beispiel, wenn regenerative Kraftstoffe wie HVO100 für den Verbrenner bei der CO2-Betrachtung angerechnet werden. Hier setzt auch Clemens Zinkl an:
„Technologieoffenheit ist unverzichtbar, um einen global wettbewerbsfähigen Industriestandort zu sichern. Der Verbrennungsmotor bleibt weltweit noch über Jahre Stand der Technik – geben wir diese Systemkompetenz durch regulatorische Eingriffe auf, verlagert sich die Wertschöpfung ins Ausland, ohne dass dem Klima geholfen ist.“
Das ausführliche Interview mit Markus Steidl lesen Sie hier.
Hybridisierte Antriebskonzepte wie MHEV, HEV und PHEV ermöglichen bereits heute signifikante CO2-Reduktionen im Flottenbetrieb.
Zinkl ergänzt: „Auch die Weiterentwicklung von Beimischungen und CO2-neutralen Kraftstoffen bietet zusätzliche Optimierungspotenziale im bestehenden Antriebsstrang. Die Branche ist damit Teil der Lösung – nur mit technologieoffenen Rahmenbedingungen können wir unsere Entwicklungs- und Fertigungsexpertise voll ausspielen und einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.“
Um gemeinsame Lösungen geht es auch im „Future Mobility Cockpit“. Die Plattform ist Teil der Initiative „Future Mobility Region“ und wird vom Automobil-Cluster koordiniert. Die Initiative rüstet Oberösterreich für die Herausforderungen der Mobilitätswende – insbesondere für den Umstieg auf CO2-neutrale alternative Antriebe.
„Das Cockpit soll Oberösterreich als Future Mobility Region stärken und strategisch abgestimmtes Vorgehen ermöglichen – nicht nur auf dem Reißbrett, sondern in der gelebten Praxis der Unternehmen“, betont AC-Projektmanager Robert Kerzendorfer.
Im Strategieboard legen daher Vertreter von Leitbetrieben, Forschungseinrichtungen und Standortpartnern die Leitplanken fest, definieren Handlungsfelder und koordinieren entsprechende Maßnahmen für Oberösterreichs Weg in die Automotive-Zukunft.
Wer nachhaltige Fahrzeugkonzepte entwickeln oder umsetzen will, findet in Oberösterreich in einem Umkreis von 50 Kilometern geballtes Know-how, eine erstklassige Infrastruktur und bestens ausgebildete Fachkräfte.
„Nur ein vernetzter Standort ist ein starker Standort. Das Cockpit schafft die Basis, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln“, ergänzt Kerzendorfer.
Ein Beispiel ist die Partnerschaft zwischen dem BMW Werk Steyr und der voestalpine Stahl GmbH. Ein neues Elektroband aus Linz kommt künftig in den E-Motoren zum Einsatz, die in Steyr
entstehen und in der „Neuen Klasse“ von BMW verbaut sind.
„Das zeigt, wie viel Innovationskraft in regionalen Partnerschaften steckt und wie diese Wertschöpfung im Land halten“, sagt Klaus von Moltke, Geschäftsführer des BMW Werks Steyr.
KEBA bringt zwei Projekte ein: einen Schnelllade-Hub für E-Lkw und ein Konzept für öffentliche Lade-Hubs auf nachts ungenutzten Parkflächen im urbanen Raum.
Stefan Richter, CEO KEBA Energy Automation, erklärt: „Wir suchen Partner, etwa Logistiker, Energieversorger, Ladestationsbetreiber und Investoren, die mit uns die Ladeinfrastruktur der Zukunft bauen.“
Ein weiteres Thema treibt die voestalpine um: die Verfügbarkeit von Aluminium- und Stahlschrott. Eine Studie des Supply Chain Intelligence Institutes Austria (ASCII) und des Complexity Science Hubs (CSH) zeigt, dass Schrott in Europa knapp werden könnte. Länder wie China sichern sich bereits gezielt ihre Versorgung, während Europa große Mengen exportiert. Für die
Transformation zu einer CO2-armen Stahlproduktion braucht es ausreichend Schrott. Daher beschäftigt sich die voestalpine mit Verfügbarkeit, Lieferketten und Logistik. Gemeinsam mit ASCII untersucht das Unternehmen die Marktdynamik und logistischen Herausforderungen rund um Schrott in Österreich.