Sicherheit: Neue Märkte, neue Chancen
Der Sicherheitssektor ist ein Wachstumsmarkt und bietet heimischen Unternehmen enorme wirtschaftliche Chancen. Wie der Marktzugang gelingen kann, welche Hürden, Strategien und Gesetze dabei zu bewältigen sind, darum ging es beim Symposium Verteidigungsindustrie am 13. März im Fliegerhorst Vogler in Hörsching. Fast 300 Interessierte waren der Einladung der Sicherheits-Allianz Oberösterreich gefolgt.
Die geopolitische Lage hat sich verändert, darum muss sich Europa um seine Sicherheit jetzt selbst kümmern. Die EU plant bis 2032 800 Milliarden Euro Investition in Verteidigung und Rüstung. Aber auch das österreichische Bundesheer rüstet in den kommenden Jahren auf. Teilweise ist die neue Ausrüstung schon bestellt, bei einigen Projekten stehen die Ausschreibungen noch aus. Allein in Hörsching werden in den kommenden Jahren 1,2 Milliarden Euro investiert.
„Wir wollen unser Stück vom Kuchen“,
waren sich Landeshauptmann Thomas Stelzer und Wirtschafts-Landesrat Markus Achleitner in ihren Begrüßungsworten einig.
Das Symposium fand im Rahmen der Sicherheits-Allianz Oberösterreich statt, deren operative Umsetzung bei der Standortagentur Business Upper Austria liegt. Der Titel „Neue Märkte, neue Chancen“ vermittelte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wie wichtig der Sicherheitssektor für die heimische Wirtschaft jetzt schon ist und noch werden wird. Stelzer und Achleitner betonten, dass das Thema breit angelegt ist und über Militärisches hinausgeht, etwa Energieversorgung, Cybersicherheit, Ernährung und Lieferketten. Die Sicherheits-Allianz soll Unternehmen zur Vernetzung und Information dienen, etwa über Kooperationen, Dual Use oder rechtliche Rahmenbedingungen.
Rüstungsdirektor Generalleutnant Harald Vodosek vom Verteidigungsministerium betonte:
„Wir bearbeiten im Jahr 5.000 Beschaffungsvorgänge, weitere 10.000 für Service und Betrieb.“
In den kommenden Jahren stehen Investitionen und Beschaffungen in Milliardenhöhe an, etwa in Transportmaschinen und Hubschrauber, die in Hörsching stationiert werden, ebenso wie die Leonardo-Jet-Trainer. Es geht aber auch um digitale Kommunikationssysteme, Drohnenabwehr, Simulation oder Radarsysteme.
„Oberösterreichische Unternehmen können sich an den Ausschreibungen beteiligen, wenn sie selbst oder koproduzieren und bereit sind, mit Partnern zu kooperieren“, sagte Vodosek.
Denn das Ministerium will so viel wie möglich in Österreich zukaufen. Schon jetzt gelänge es, 70 Prozent der Wertschöpfung in Österreich zu halten. Der Rüstungsdirektor wies allerdings auch darauf hin, dass anbietende Unternehmen zertifiziert, kodifiziert und registriert sein müssen.
„Denn unser Produkt ist Sicherheit für neun Millionen Österreicherinnen und Österreicher. Und dafür braucht der einzelne Soldat die beste Technologie am Markt.“
Welche Möglichkeiten österreichischen Unternehmen bei industriellen Kooperationen offenstehen, davon berichtete Sylvia Vana vom Wirtschaftsministerium, die dort die Abteilung Industriepolitik und Industriestrategie leitet. In ihre Zuständigkeit fallen unter anderem die Genehmigungen laut Sicherheitsexportgesetz, also für die Ausfuhr von Verteidigungs- und Dual-Use-Gütern.
„Wir arbeiten daran, die Abläufe zu reformieren, zu vereinfachen und zu beschleunigen. Allein 2025 haben wir Exporte in Höhe von 3,9 Milliarden Euro genehmigt“, schilderte Vana.
Anhand des Beispiels der italienischen Leonardo-Jet-Trainer erklärte Vana den Anwesenden die drei Varianten von industriellen Kooperationen, deren Verträge sie mit ihrer Task Force ausarbeitet.
„Gegengeschäfte waren bisher wegen der Eurofighter-Nachwehen ein heißes Eisen, ein Tabuthema. Jetzt sprechen wir von industriellen Kooperationen, die aus der modernen Sicherheitsarchitektur nicht mehr wegzudenken sind“, erklärte Vana. „Wir sind Türöffner für österreichische Unternehmen. Mit Leonardo verhandeln wir intensiv ein Memory of Understanding über künftige Kooperationsprojekte.“
Bis 2027 soll es ein rechtlich verbindliches Abkommen über Forschungs- und industrielle Kooperationen geben.
Den Unternehmen stehen als zweite Möglichkeit Forschungspartnerschaften offen, beispielsweise über die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Diese sind auch grenzüberschreitend möglich. Als dritte Variante nannte Vana Joint Ventures.
„Bei der Umsetzung sind sie die schwierigste, komplexeste und heikelste Variante. Wir prüfen immer den Einzelfall, prüfen, was möglich ist und den nationalen Sicherheitsinteressen dient. Hier fließt das meiste Hirnschmalz hinein“, sagte Vana.
Mit dem lateinischen Sprichwort „Si vis pacem para bellum“ eröffnete Christian Schreiberhuber, CFO von Steyr Arms, seinen Erfahrungsbericht. Steyr Arms wurde 1864 gegründet und gilt als Wiege der österreichischen Waffenindustrie. Seit 1958 produziert und liefert der Traditionsbetrieb Waffen für Militär, Sicherheitsbehörden und die Jagd, kann also auf viel Erfahrung zurückblicken.
„Die Zeitenwende macht Verteidigung zu einem Wachstumsmarkt. Wir sprechen von 2,5 Billionen Euro weltweite jährliche Ausgaben für die Rüstung, in Österreich sind es 2,5 Milliarden. Und jetzt wachsen die Budgets. Allein deshalb ist die Branche attraktiv“, unterstrich Schreiberhuber.
Attraktiv sei auch, dass es um langfristige Partnerschaften gehe, denn auch nach Jahrzehnten liefere man noch Ersatzteile oder verbesserte, überarbeitete Nachfolgeprodukte.
„Wer das österreichische Heer als Kunden gewonnen hat, hat damit auch einen Referenzgeber für andere Heere. Zuverlässigkeit und Vertrauensaufbau sind aber ein wesentliches Kriterium für eine langfristige Partnerschaft“, betonte Schreiberhuber.
Man müsse rund um die Uhr als Servicepartner zur Verfügung stehen und jederzeit offen und bereit für Innovationen, auch in der Fertigung, sein.
Das Erfolgsgeheimnis: „Geduld ist die Tugend der Branche. Es muss eine langfristige Strategie dahinterstehen, denn die Produktentwicklungszyklen erstrecken sich über mindestens zwei bis drei Jahre. Und Sie müssen viel Geld in Forschung und Entwicklung investieren.“
Wichtig für den langfristigen Erfolg: Man muss als Zulieferer die rechtlichen Bestimmungen wie das Kriegsmaterialrecht oder die Exportbestimmungen kennen. Um hier auf dem Laufenden zu bleiben, schult Steyr Arms regelmäßig seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Compliance sei ebenfalls ein großes Thema.
„Sie müssen Vertraulichkeitserklärungen unterschreiben und werden nachrichtendienstlich überprüft. Ein einwandfreies Leumundszeugnis versteht sich von selbst. Und Sie müssen Ihre Lieferkette bis zur kleinsten Komponente sicherstellen“, empfahl Schreiberhuber.
Wie die tägliche Praxis beim Export von Dual-Use-Gütern aussieht, verriet Robert Ottel, CEO von Rosenbauer International.
„Wir stellen keine Militärgüter her. Unsere Kernkultur ist schützen und retten“, erklärte er.
Dennoch gebe es Schnittpunkte mit dem Militär, denn ein Feuerwehrauto will auch in einem Brennpunkt löschen und Menschen retten und schützen. Es kann auch beschossen werden. Und Dekontamination sei sowohl bei der Feuerwehr als auch beim Militär ein Thema.
„Beispiele für Dual-Use-Güter aus unserem Haus sind Atemschutzmasken, Wärmebildkameras, Chemieschutzanzüge und Drohnen, aber auch Dichtungen in Pumpen, die unter Umständen in Nuklearanlagen verwendet werden könnten“, schilderte Ottel.
Für Dual-Use-Güter gibt es Listen der EU. Jedes Produkt hat eine spezielle Zolltarifnummer. Diese Nummer ist bei Rosenbauer im ERP-System hinterlegt.
„Unsere Vertriebsmitarbeiter erhalten vom System daher automatisch den Hinweis. Achtung, es handelt sich um einen Dual-Use-Artikel! Nächster Schritt ist zu prüfen, wohin das Teil verkauft wird“, erklärte Ottel.
In Österreich und in der EU darf das Produkt ohne Genehmigung verkauft werden, verpflichtet ist aber der Hinweis an den Kunden, dass es sich um ein Dual-Use-Produkt handelt. Für bestimmte Drittländer wie die Schweiz oder die USA gibt es Allgemeingenehmigungen, für die meisten ist aber eine Sondergenehmigung des Wirtschaftsministeriums erforderlich.
Kostet das Produkt weniger als 5.000 Euro, kann diese Sondergenehmigung entfallen. Ab 5.000 Euro ist die kostenpflichtige Einzelgenehmigung des Ministeriums notwendig.
„Bevor wir ausliefern, muss noch einmal unsere Versandabteilung prüfen, ob die Lieferung rechtlich zulässig ist und alle Genehmigungen vorhanden sind“, beschrieb Ottel. „Soll das Feuerwehrfahrzeug samt Ausrüstung in ein Land geliefert werden, das die Kriterien nicht erfüllt und fehlt beispielsweise die Genehmigung für die Atemschutzmaske, müssen wir das Fahrzeug ohne diese Maske ausliefern.“
Wie groß das Potenzial für heimische Unternehmen ist, veranschaulichte Oberösterreichs Militärkommandant und Gastgeber Dieter Muhr. An allen Militärstandorten Oberösterreichs sind in den kommenden zehn bis15 Jahren 1,2 Milliarden Euro Investitionen geplant. Dazu zählen unter anderem die Sanierung der Start- und Landebahn in Hörsching, der Bau neuer Hangars für die neuen Flugzeuge und Hubschrauber, Simulatoren für die neuen Geräte sowie Neubau und Sanierung von Unterkünften, Werkstätten, Garagen, Lager und deren Energieversorgung.
„Wir als Militärkommando Oberösterreich waren bei der Sicherheits-Allianz von Anfang an dabei und verstehen uns als Schuhlöffel, der Unternehmen beim Marktzutritt in die Verteidigungsindustrie unterstützt.“
Noch heuer ist ein weiteres Symposium geplant, bei dem es um die Themen Zertifizierung, Codierung und Registrierung für potenzielle Zulieferer gehen wird. Etwa die Hälfte der fast 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat bereits ihr Interesse daran bekundet. Landesrat Markus Achleitner, Landeshauptmann Thomas Stelzer und Business Upper Austria Geschäftsführer Werner Pamminger riefen die anwesenden Unternehmen dazu auf, die Chancen der Sicherheits-Allianz zu nutzen und sich zu beteiligen. Das Interesse an der Sicherheitsbranche erlebt aktuell einen Boom: Waren es anfangs noch 15, sind heute bereits mehr als 80 Unternehmen Mitglied in der Sicherheits-Allianz Oberösterreich.
Interessierte Unternehmen können ihr Interesse an sicherheitsallianzooe(at)biz-up.at senden.