Weichen stellen: an Land, zu Wasser, in der Luft
Es war wohl noch nie so spannend wie jetzt, in der Mobilitätsbranche tätig zu sein – und zugleich so herausfordernd. Wir haben uns unter heimischen Unternehmen umgehört und gefragt: Woran arbeiten Sie gerade und wohin fährt der Zug der Zukunft? Sich öffnen und ganzheitlich denken heißen die Strategien. Genauso wie bei uns im Automobil-Cluster.
Klimaziele, Digitalisierung, geopolitische Unsicherheiten, neue Kundenanforderungen und ein massiver Technologieumbruch setzen die Mobilitätsbranche unter enormen Veränderungsdruck. Die Mobilität wird neu definiert – weg von einzelnen Verkehrsträgern, hin zu vernetzten Systemen. Der Vergleich mit den großen Umbrüchen der Mobilitätsgeschichte liegt nahe. Der Pioniergeist der Eisenbahnbauer des 19. Jahrhunderts oder der Aufbruch rund um die ersten Automobile zu Beginn des 20. Jahrhunderts war getragen von technischer Neugier und gesellschaftlicher Zuversicht. Auch heute erlebt die Branche einen solchen Moment. Doch die Fragen sind andere.
Das Automobil verliert seine Alleinstellung als Symbol von Freiheit.
„Unter Mobilität wird heute noch oft nur das Automobil verstanden“, sagt Peter Ivanov, Managing Director Automotive/Mobility bei Valtech. „Kundinnen und Kunden erwarten heute vor allem eine durchgängige Software Experience.“ Wer diese Entwicklung ignoriere, warnt Ivanov, „wird auf dem Schrottplatz der Mobilität enden“.
Mehr zu diesem provokanten Ansatz verrät Ivonov bei der Zukunft.Mobilität. Freiheit entsteht zunehmend durch Wahlmöglichkeiten, nahtlose Übergänge und intelligente Systeme. Die Trennung zwischen Straße, Schiene, Luft oder Wasser verliert an Bedeutung. Gefragt sind integrierte Lösungen – von der ersten bis zur letzten Meile.
Gerade die Bahn erlebt eine neue Dynamik.
„Für die ÖBB heißt das, dass wir uns vom Bahnunternehmen zum integrierten Mobilitäts- und Logistikdienstleister weiterentwickeln, der Straße und Schiene intelligent verbindet und digitale Plattformen als zentrale Kundenschnittstelle ausbaut“, erklärt Robert Heusmann, Head of Corporate Strategy & Organisation.
Die Trennung nach Verkehrsträgern entspricht nicht mehr den Anforderungen der Kunden. Die Zukunft liege im Verbund:
„Die Schiene ist der leistungsfähige Backbone – ergänzt durch intermodale Lösungen für die erste und letzte Meile.“
Die ÖBB arbeiten an Innovationen wie automatisierte Betriebsführung, digitale Navigations- und Sicherheitssysteme sowie KI-gestützte Planungs- und Instandhaltungsprozesse.
Großinfrastrukturprojekte wie die Koralmbahn spielen in diesem Kontext eine zentrale Rolle. Sie sind ein Meilenstein für den Personen- und Güterverkehr. Gemeinsam mit dem Semmeringbasistunnel entstehe eine leistungsfähige Nord-Süd-Achse.
„Gerade im Güterverkehr müssen wir flexibler und schneller auf sich verändernde Transportströme reagieren“, sagt Heusmann.
Die Antwort der ÖBB lautet Resilienz: durch Diversifizierung Intermodalität und Digitalisierung.
Ähnlich wie bei den ÖBB sieht die Strategie bei Plasser & Theurer aus. Der Linzer Weltmarktführer für Gleisbaumaschinen verfolgt konsequent den Wandel vom reinen Maschinenlieferanten zum integrierten Lösungsanbieter.
„Unser strategisches Ziel ist es, ein End-to-End Anbieter für Lösungen entlang des gesamten Lebenszyklus der Bahninfrastruktur zu sein – von der Oberleitung bis zum Untergrund“, sagt Daniel Tomaschko, CTO von Plasser & Theurer.
Der Boom des Systems Bahn komme nicht überraschend,
„denn nur die Bahn kann das wachsende Mobilitätsbedürfnis mit den Herausforderungen des Klimawandels in Einklang bringen.“
Plasser & Theurer verfolgt daher einen nachhaltigen Ansatz, erklärt Tomaschko:
„Wir glauben an den nachhaltigen Bahnbau. Wir haben als erster Hersteller Gleisbaumaschinen mit Hybridantrieb entwickelt und umgesetzt.“
Das reduziert Schadstoffmengen, Emissionen, fossile Brennstoffe und Betriebskosten.
„Darüber hinaus können wir Energie ins Bahnnetz rückspeisen, Verschleißteile wie Bremsen schonen und auch Lärmemission auf ein Minimum reduzieren“, betont der CTO.
Die sogenannte E3-Technologie ist eine wichtige Säule für End-to-End Lösungen. Sie nutzt elektrische Energie aus der Oberleitung und Akkupower für den Arbeitsantrieb. Organisatorisch folgt Plasser & Theurer dem Prinzip der „Glokalisierung“.
„Wir müssen weltumspannend denken und handeln, gleichzeitig aber lokal präsent sein“, sagt Tomaschko.
Ein globales Service und Partnernetzwerk sei dafür entscheidend.
Software, Automatisierung und KI werden über alle Segmente hinweg zur entscheidenden Klammer und zu einem entscheidenden Produktivitätshebel im Bahnbau.
„Digitale Produkte unterstützen das Bedienpersonal, reduzieren Einarbeitungszeiten und ermöglichen es, mehrere Arbeitsschritte gleichzeitig zu überwachen und auszuführen“, erklärt Tomaschko.
Für die kommenden Jahre sieht Heusmann drei Trends: Automatisierung und KI, vernetzte Mobilitätssysteme sowie klimaresiliente Infrastruktur.
Fahrzeuge entwickeln sich zu softwaredefinierten Systemen.
„Das Auto wird zur Hardware-Plattform, die ein sehr mächtiges Software- und AI-Gehirn tragen wird“, ist Peter Ivanov von Valtech überzeugt.
Software-Defined Mobility erfordert neue Skills, schnellere Innovationszyklen und Kooperation: mit Forschungseinrichtungen, Start-ups, Technologiepartnern – zunehmend auch branchenübergreifend.
Hier setzt die Nimble Innovation GmbH an. Sie ist seit 2025 eine 100%-Tochter der Pierer Digital Holding und fokussiert sich auf KI basierte Effizienz und Produktivitätssteigerung. Managing Director Walter Sieberer sagt:
„Wir entwickeln Software, KI-Anwendungen und -Agenten. Die Forschung und Entwicklung ist in Oberösterreich angesiedelt.“
Ähnlich wie Valtech entwickelt Nimble neue Geschäftsmodelle für Unternehmen.
„Wir arbeiten intensiv an KI-Assistenten für sogenannte Consumption Modelle, die eine möglichst genaue und aufwandsbasierte Leistungsverrechnung ermöglichen“, schildert Sieberer.
Die Zukunft der Mobilität liegt für ihn klar in der Autonomie. Dabei kommen verstärkt Sensorik und Embedded Computing zum Einsatz, die Daten für die Entwicklung von autonomen Modellen liefern. Walter Sieberer erklärt:
„Ein wesentlicher Bestandteil dieses Technologie-Stacks wird KI sein, die einerseits im Backend Modelle tuned und andererseits am Produkt selbst für Entscheidungsprozesse sorgt.“
Nimbles Ambition dabei: leistbare Preise und die gewünschten Ergebnisse für autonome Mobilität zu erzielen.
„Wir haben in Oberösterreich das große Glück, ein Hotspot für KI und Software-Technologie zu sein“, ist Sieberer überzeugt. „Dabei spielen nicht nur Ausbildung und Grundlagenforschung eine wichtige Rolle, sondern auch die Vernetzung der Unternehmen in den Clustern.“
Da einzelne Unternehmen mit dem Entwicklungstempo nicht mithalten können, braucht es seiner Meinung nach Kooperationsmöglichkeiten,
„um Dinge auszuprobieren und mit überschaubarem Risiko einsetzen zu können. Die Cluster spielen dabei eine wesentliche Rolle.“
Ins selbe Horn stößt Daniel Tomaschko:
„Die Kooperation mit anderen Unternehmen in der Forschung ist wichtig und ihre Relevanz wird weiter steigen. Die Cluster bilden branchenspezifische Netzwerke, die Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Bildungsinstitutionen zusammenbringen.“
Robert Heusmann ergänzt:
„Lokale Kooperationen sind für uns zentral, weil neue Lösungen erst dann wirklich tragfähig werden, wenn sie im regionalen Umfeld gemeinsam mit Gemeinden, Betrieben und Forschungspartnern erprobt und weiterentwickelt werden. Und: Innovative Lösungen entstehen nur im Schulterschluss zwischen Forschung, Industrie und Verkehrsunternehmen.“
Daher sind die ÖBB dem Netzwerk SAAM Austria beigetreten und arbeiten intensiv daran mit, automatisierte Mobilität in Österreich auf die Straße zu bringen.
„Automatisierte und vernetzte Mobilität ist ein ganzheitliches strategisches Zukunftsfeld. Gerade im Zusammenspiel von Straße und Schiene liegt enormes Innovationspotenzial.“
SAAM Austria ermöglicht frühen Zugang zu Partnern, Pilotprojekten und internationalen Entwicklungen.
Die Zukunft bringt also neue, zusätzliche Felder. Genau hier setzt die strategische Weiterentwicklung des Automobil-Clusters an. Ausgehend von der starken automobilen Basis öffnet sich das Netzwerk bewusst in Richtung Rail, Luftfahrt, Space und Defence. Nicht als Abkehr vom Automobil, sondern als konsequente Erweiterung entlang gemeinsamer Technologien, Märkte und Wertschöpfungsketten. Oder anders gesagt: Der Zug der Zukunft fährt längst nicht mehr nur auf Schienen. Er verbindet Straße und Schiene, Erde und Luft, zivile und industrielle Anwendungen. Und er nimmt all jene mit, die bereit sind, Mobilität ganzheitlich zu denken.