09.12.2025

Interview mit Martin Riedelsberger, Geschäftsführer RIC und AC-Beirat

„Wir brauchen Pioniere mit Fleiß und Mut“

Martin Riedelsberger verstärkt seit kurzem mit seiner umfassenden Expertise den Beirat des Automobil-Clusters. Bei BRP-Rotax ist er für Global Strategic Planning bei BRP Technology zuständig und Geschäftsführer des RIC – das Innovations- und Bildungszentrum von BRP-Rotax. Im Interview legt er seine Sicht auf die Branche und seine Herzensthemen als Beirat dar. 

Martin Riedelsberger, Geschäftsführer RIC und AC-Beirat
Martin Riedelsberger, Geschäftsführer RIC und AC-Beirat © RIC GmbH

Welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Karriere bringen Sie in Ihre neue Beiratsfunktion mit ein?

Ich wandere gerne am Grat zwischen grenzenloser Innovation und leistbaren Kosten, wir kommen aus einem hochmargigen Premiumsegment mit 70 % Nordamerika-Fokus und verbinden europäische Technologieführerschaft mit globaler Best Cost Supply Chain – ein Modell, das Komplexität beherrschbar macht und gleichzeitig Effizienz sichert – diese Erfahrung bringe ich gerne ein.

In welchen Themenfeldern möchten Sie besonders Impulse setzen?

Den Blick auf die langfristige industrielle Zukunft. Die Herausforderung ist nicht neu: In den 1970ern waren es japanische OEMs, später koreanische, heute sind es chinesische Player, die mit tiefer vertikaler Integration bis hin zu Rohstoffen, 30 % günstigeren Preisen und aggressiven Time-to-Market-Ansätzen den Takt vorgeben. Für 2025 wird chinesischen Marken ein Anteil von über zehn Prozent am europäischen Elektroautomarkt prognostiziert. Wer nicht ständig smarter, schlanker und schneller wird, wird vom Markt verdrängt.

Fahrzeughersteller stehen aktuell unter starkem Transformationsdruck – Stichworte Elektromobilität, Digitalisierung, Nachhaltigkeit. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Technologieoffenheit. Man darf nicht alle Brücken hinter sich abbrennen. Jede Antriebstechnologie hat ihre Berechtigung – Verbrenner dort, wo Leichtbau und Reichweite zählen, Elektromobilität dort, wo die Ladeinfrastruktur bereits gut ausgebaut und grüner Strom verfügbar ist. Global gesehen dauert die Übergangsphase vom Verbrenner zum E-Auto länger als erwartet – Hersteller müssen parallel wettbewerbsfähige Verbrenner und E-Autos entwickeln. Das bedeutet: doppelte Kosten, doppelte Komplexität. Politisch sollten wir uns jetzt auf den Ausbau günstiger und emissionsfreier Energiequellen und -speicher konzentrieren. Allein für die weitere Expansion von Elektromobilität und KI benötigen wir deutlich mehr Energie – und das rund um die Uhr.

Welche Chancen ergeben sich Ihrer Meinung nach für die österreichische Fahrzeugindustrie in diesem Wandel?

Österreich hat Know-how auf Weltklasse-Niveau, aber unsere Produktivität sinkt. Der Branchenumsatz der Automotive-Zulieferindustrie sank 2024 um 9,2 % auf 28,4 Mrd. Euro, der Personalstand um Tausende Stellen. Ende 2024 verzeichnete kein anderes EU-Land einen so starken Rückgang der Industrieproduktion wie Österreich mit -9,5 %. KI und Robotik sind der Schlüssel zum Turnaround. Der europäische Markt für KI-Industrierobotik wächst mit mehr als 20 % jährlich. Auf diesen (in Asien bereits schnell fahrenden) Zug müssen wir jetzt alle gemeinsam aufspringen. Wenn wir diese Technologien konsequent nutzen und uns auch im Cluster ein lokales Ökosystem aufbauen, können wir den (Export-)Weltmeistertitel zurückholen.

Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Kooperationen innerhalb des Clusters, z. B. zwischen OEMs, Zulieferern und Start-ups?

Kooperationen sind das Rückgrat des Clusters. Aber wir müssen den Zyklus von der Idee zum Start-up und zum KMU beschleunigen. Entscheidend: Es braucht immer ein kompetitives Angebot. Es bringt uns langfristig nichts, ineffiziente Systeme zu stützen – nur die Besten werden im globalen Wettbewerb bestehen, und nur diese sollten gefördert werden.

Welche technologischen Entwicklungen beobachten Sie derzeit mit besonderem Interesse?

KI und Robotik – die operativen Gamechanger. Im Produkt, in der Produktion, in allen Geschäftsprozessen. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert für Deutschland eine jährliche KI-getriebene Produktivitätssteigerung von 0,9 % bis 2030 und 1,2 % bis 2040 – aber nur, wenn wir das Potenzial auch nutzen. Aktuell setzen nur neun Prozent der kleinen und 26 % der mittleren Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe Roboter ein. Hier liegt enormes ungenutztes Potenzial, auch für die Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Wie geht Ihr Unternehmen mit dem technologischen Wandel in der Branche um – Stichwort Elektrifizierung, Digitalisierung, automatisiertes Fahren?

Unsere Powersports-Produkte werden wegen des Fahrerlebnisses gekauft – autonomes Fahren ist da nicht so gefragt, könnte aber z. B. beim Skifahren als autonomes Ski-Doo statt eines Skilifts in der Zukunft kommen. Für die Elektrifizierung haben wir exzellente Use Cases: Unser neues Can-Am Outlander Electric zeigt, dass sich auch ein All Terrain Vehicle (ATV) still und emissionsfrei durch die Natur bewegen kann. Elektromobilität erweitert unsere Geschäftsfelder, ohne das Kernerlebnis zu mindern.

Was möchten Sie als Beiratsmitglied konkret bewegen – gibt es ein Herzensthema, das Sie vorantreiben wollen?

Europa weiter voranbringen. Während Europa bis in die 1990er-Jahre ein schnelleres Produktivitätswachstum als die USA aufwies, hat sich dieses Verhältnis seither umgekehrt – die USA verzeichneten in den 2020er-Jahren ein Arbeitsproduktivitätswachstum von +1,5 %, Europa lag deutlich darunter. Wir haben die Technologie, die Märkte und die finanziellen Ressourcen. Was wir brauchen: lokale Pioniere mit Fleiß und Mut, aber auch den Blick über den Tellerrand mit globalen Technologiepartnern. In dieser Konstellation können wir den Wohlstand in der Region sichern und ausbauen. 

Zur Person

Martin Riedelsberger ist Geschäftsführer des RIC (Regionales Innovations Centrum) – das Innovations- und Bildungszentrum von BRP-Rotax – und Direktor für Global Strategic Planning bei BRP Technology. Seit kurzem verstärkt er den Automobil-Cluster als Beirat. Riedelsberger verfügt über eine umfassende wissenschaftliche Ausbildung wie ein Studium des Wirtschaftsrechts an der WU Wien, Engineering/Industrial Management (Energy) an der Universität für Bodenkultur sowie Finanzen in Harvard und International Trade an der London School of Economics and Political Science. 

www.ric.at

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